Startseite    Kontakt    Impressum    Sitemap

Kultur

Druckversion


Mehr als nur ein Ärgernis - Gingener Hausnamen (2005)



Gingener Hausnamen - viel mehr als nur ein Ärgernis!

Bericht zum Vortrag vom Sonntag, den 17. Juli 2005 von Dr. Gabriele von Trauchburg

(erschienen im Gingener Gemeindeblatt vom 22. Juli 2005)

Am vergangenen Sonntagstand stand wieder ein Vortrag zur Geschichte Gingens auf dem Programm der Lokalen Agenda Gingen/Fils. Den rund 50 anwesenden Zuhörern stelle Dr. Gabriele von Trauchburg die Hausnamen im Ort vor. Der Vorsitzende des Fördervereins für die Erhaltung des Turmes der Johanneskirche, Hans Wimmer,  hatte dankenswerterweise die Aufgabe übernommen, in den Vortragsabend einzuführen. Er umriss in wenigen prägnanten Worten die Bedeutung und die Aufgaben der Lokalen Agenda und erläuterte dann seine eigenen, positiven Erfahrungen mit Hausnamen aus seiner Zeit als junger Lehrer.

An den Anfang ihres Vortrages stellte die aus demOrt stammende Historikerin einige Anekdoten, die den Umgang der Gingener mit ihren Hausnamen verdeutlichen - sie zeigte das häufige Unverständnis der Betroffenen zu den ihnen zugedachten Bezeichnungen ebenso auf, wie auch die zunehmende Unkenntnis unter der heutigen Bevölkerung.

In einem ersten Schritt wurde dann dargelegt, welche Kennzeichen ein Hausname besitzen muss: Seine primäre Aufgabe bestand und besteht bis heute darin, Unterscheidungsmerkmale innerhalb von bestimmten Gruppen - seien es nun Berufsgruppen oder die Träger von häufig im Ort auftretenden Familiennamen - zu schaffen.

Anschließend stellte die Referentin die einzelnen notwendigen Schritte bei der Suche nach den ältesten Hausnamen vor. Sie präsentierte den wohl ältesten Gingener Hausnamen im Helfensteiner Urbar von 1415, konnte schon drei sichere Hausnamen in der Landsteuerliste von 1544 entdecken und leitete damit zu den Hausnamen des 20. Jahrhunderts über.                                                                                                                                            

Zunächst gliederte sie die Fülle der bereits bekannten und noch zusätzlich gesammelten Hausnamen in verschiedene Kategorien: die erste Kategorie bildeten die Institutionen und Ämter des Dorfes und ihre Hausnamen, eine zweite umfasste die verschiedenen Berufsgruppen. Der Vortrag beschränkte sich dabei nicht nur auf die Aufzählung der einzelnen Bezeichnungen, sondern - soweit als möglich wurden die betroffenen Gebäude auf der alten Gingener Katasterkarte hervorgehoben, so daß aus dem bearbeiteten Plan die Verteilung der Hausnamen deutlich zutage trat.

Eine Auswahl der Bäckereien und die zugehörigen Hausnamen:
Fetzerbäck (Hindenburgstraße), Käsbeck (Hindenburgstraße), Süßbäck (Hindenburgstraße),  Pfarrbäck (Pfarrstraße, Sonnenbäck (Pfarrstraße),
Neubäck (Hintere Gasse)
Hommelbäck (früher Hintere Gasse, dann Lindenstraße),

Entwurf: Gabriele von Trauchburg

In einem weiteren Schritt wurden die Hausnamen für die besonders häufig auftretenden Gingener Familiennamen zusammengestellt und auf ihre Herkunft untersucht. Auch hier konnten erstaunliche Ergebnisse zutage gefördert werden. Zuletzt wurden die einzelnen Funktionen der Hausnamen noch einmal zusammengestellt. Zu der ursprünglichen Funktion der Unterscheidung von Familien und den in den einzelnen Berufsgruppen tätigen Personen kommt in der Gegenwart eine weitere hinzu. Die Hausnamen geben ebenso Auskunft über die wirtschaftliche Vielfalt, die einmal im Dorf herrschte, wie auch über die dörfliche Entwicklung an sich. Zudem ist die Sammlung und Auswertung der Hausnamen ein wichtiger Bestandteil der dörflichen Kultur, der langsam durch den sich stänndig vollziehenden Strukturwandel in Vergessenheit zu geraten droht.

Beeindruckt von der Vielfalt der aus dem Vortrag gewonnenen Informationen regte Hans Wimmer in seinem Schlusswort an, künftig eine Führung für den Ort zusammenzustellen, so daß die hier gewonnenen Ergebnisse bei einem Gang durch das Dorf hautnah erfahrbar werden.



Als Gingen bayerisch war. Ein unbekanntes Kapitel aus der Gingener Geschichte (2004)



Bericht zum Vortrag am Sonntag 27. Juni 2004 von Dr. Gabriele von Trauchburg
(erschienen im Gingener Gemeindeblatt vom 9. Juli 2004)

Durch diesen Titel neugierig geworden, konnte die AGENDA 21 in Gingen über 60 interessierte Gäste begrüßen. Vorgestellt wurde unsere Rednerin Dr. Gabriele von Trauchburg, vielen bekannt seit Kindertagen, aber für viele war es neu zu erfahren, dass sie sehr erfolgreich in Augsburg Geschichte, Englisch und Politik studiert hatte, für ihre Abschlußarbeit einen Universitätspreis als erstes nicht-promoviertes Mitglied der Uni Augsburg erhielt und 1993 promovierte. Anschließend war sie sieben Jahre lang Dozentin für bayerische und schwäbische Landesgeschichte an der Uni Augsburg. Ihre dabei gewonnenen Kenntnisse inspirierten sie für den Vortrag. Kaum vorstellbar, aber Gingen gehörte ab 1803 zum Kurfürstentum und ab dem 1.01. 1806 zum Königreich Bayern.

Der Vortrag begann mit einem kurzen Abriß der Geschichte Gingens von 915 bis 1810. 1287 wird der neue Kirchturm erwähnt. Er bildete mit dem Landgraben - heute ist nur der Flurname noch erhalten - ein mittelalterliches Verteidigungssystem. 1396 wird Gingen von den Grafen von Helfenstein an die Reichsstadt Ulm verkauft. Das Wappen der Ulmer ist noch heute sichtbar in der Felderdecke des Langhauses der Johanneskirche.

1449 wird Gingen im Städtekrieg durch den württembergischen Herzog zerstört. 1531 erfolgt die Einführung der Reformation und 1534 wird Gingen im Filstalpanorama erstmals bildlich dargestellt. Im 30jährigen Krieg zwischen 1618 und 1648 wird der Ort fast völlig zerstört. 1750 verliert Gingen viel an seiner strategischen Bedeutung; der hiesige Amtmann wird nach Süßen versetzt und 1803 wird Gingen bayerisch.

Seit dem 16. Jahrhundert gab es eine allgemein gültige Dorfordnung, die verschiedene Ämter im Dorf genau regelte. Mit Ausnahme des Hirten und des Flurschütz (Öschey) waren alle Ämter doppelt besetzt: Kirchenaufseher, Mühlen-, Ziegel-, Fleisch-, Bier-, Brot-, Pferde- und Schafschauer. Die Koalitionskriege von 1792-1797 und 1799 -1802 brachten neben Durchmärschen, Einquartierungen und hohen Abgaben auch hohe Sterblichkeits- und hohe Geburtsraten. Im Friedensvertrag von Lunéville vom 9.02. 1801 musste der deutsche Kaiser Franz das linksrheinische Ufer einschließlich dem Saarland abtreten. Im Reichsdeputationshauptschluß vom 25.02.1803 wurde festgelegt, daß 13 Reichsabteien und 15 Reichsstädte, darunter Ulm, unter bayerische Hoheit kamen.

Nachdem die Herrschaft über die Reichsstadt Ulm und ihr Territorium an das Kurfürstentum Bayern übergegangen war, und Maximilian IV. Joseph mit seinem Superminister Montgelas die Regentschaft übernahm, prägten sie mehr als 18 Jahre die Geschicke Bayerns. Graf Maximilian von Montgelas hatte die Lage des Kurfürstentums analysiert und forderte klare Strukturen und eine bessere Effizienz - kommt uns das heute nicht bekannt vor?

Nach Flüssen - wie in Frankreich - wurden die neuen Provinzen benannt. Gingen gehörte zum Oberdonaukreis. In Ulm war das Generallandeskommissariat. Dessen Aufgaben bestanden in der Vereinheitlichung der Gemeinden und ihrer Kompetenzen, der Schaffung einer zentralen Justiz, der Einrichtung einer Militärverwaltung und dem Erstellen der sogenannten Montgelas-Statistik. Geislingen wurde Sitz eines Landgerichtes und der Kontrollort der kirchlichen Stiftungsverwaltungen.

Im Reskriptenbuch von 1803 des evangelischen Pfarramts Gingen gab es auch Anweisungen für das öffentliche Kirchengebet. Bis dahin hieß es, schenke “... unserem Kaiser Sieg etc... ”  und dann “Sey gegenwärtig mit deiner Gnade unserem Churfürsten und seegne ihn.” Am 23.01.1803 fand ein Dank- und Bittgottesdienst zur Staatsveränderung statt, genau reglementiert. Eine angemessene Predigt sollte gehalten werden aus Offenbarung 16, Vers 15: “Wenn des Königs Angesicht fromm ist, das ist Leben und seine Gnade ist wie Abendregen.” Anschließend folgte der ambrosianische Lobgesang: “Herr Gott dich loben wir.” Und am Ende des Gottesdienstes läuteten 30 Minuten lang die Glocken!

Ab 1803 wurde ein einheitliches Tauf-, Trauungs- und Sterberegister eingeführt und die allgemeine Schulpflicht für Kinder von 6 bis 12 Jahren erlassen. Am 10. Januar 1803 wurde das Religionsedikt erlassen, das die religiöse Toleranz und völlige Gleichstellung der Religionen (kath., ev., jüdisch) garantierte. Mit den politischen Veränderungen erfolgte auch ein Auswanderungsverbot und für alle Rekruten galt Militärpflicht.

Bayern und Württemberg verhandelten ab 1808 über eine Regulierung ihrer Grenzen. Am 23. 09.1810 wurde die noch heute gültige Iller-Donau-Linie festgelegt - für Gingen endete damit die bayerische Epoche.

Mit einem herzlichen Dankeschön an Dr. Gabriele von Trauchburg schloss dieser informative und sehr spannende Vortrag. 717 Jahre hat nun unser Kirchturm auf dem Buckel und der Erlös dieser Veranstaltung ging zugunsten seiner Renovierung

                                                                                                                                                                      Helga Maier